Erbarmungslos schön

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Von Daniel Wagner

  • Pierre-Laurent Aimard gastierte im Musikverein.

Der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard ist berühmt für seine vergeistigten, durchdachten Programme. Im Musikverein spannte er den Bogen vom Absolutismus einer Beethoven’schen Hammerklavier-Sonate bis hin zum zugegebenen György Kurtág perfekt. Unprätentiös, fast nichtig, bisweilen in Einsatzgenauigkeit noch recht kreativ, eröffnete er bei Beethoven. Vollkommen ohne Pathos ließ er den wüsten Beethoven bereits im Eröffnungsallegro heraufbrechen. Authentisch lautete die Devise. Frei von aufgesetztem Bedeutungskontext gelangen auch das Adagio sostenuto und das finale Allegro risoluto: Da reiste der Starpianist zwischen der leichten Welt des Diskants, gefolgt von der geerdeten Rückkehr in die Mittelwelt der Fuge.

Früher, revolutionärer Sergej Prokofjew, sowieso gänzlich einmaliger Alexander Skrjabin und, aus seiner Schule, ebenso radikal moderner Nikolai Obuchow (1892-1954) ließen einen atemlosen Blick in russische Klangesoterik zu. So drängend, lachend, verspottend Prokofjews freche „Sarcasms“ op. 17 von 1916 waren (zweiter Satz, Allegro rubato: die Ausdrucksform der Zeitverzögerung), so beinhart zwölfteilig harmonisch in ihrer Art gelangen Obuchows mystische „Révélations“.

Quod erat demonstrandum: Das war die Sprache, wie sie eben Skrjabin gelehrt hatte. Zu erleben war das Vorbild mit der gedichteten Opus 53 Sonate Nr. 5 und der letzten, zehnten Sonate op. 70. Manch Ungenauigkeit in der Partitur wurde gerne zugunsten der Inspiration überhört. Gepflegter Applaus.

Konzert

Pierre-Laurent Aimard (Klavier)

Musikverein