Als wäre Romy auferstanden

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Von Matthias Greuling

  • Marie Bäumer als Romy Schneider, Flüchtlinge in Marseille: Die Berlinale zeigt Bedrückendes.

Rauchen und Trinken: Marie Bäumer als Romy Schneider.

Rauchen und Trinken: Marie Bäumer als Romy Schneider.

Berlin. Die Atmosphäre ist bedrückend schwer, die Menschen sind ob der drohenden Ausweglosigkeit ausgesprochen kurzatmig, und auch, wenn in diesem Marseille, das uns Christian Petzold serviert, zumeist die Sonne scheint, so ist die Stimmung doch gedrückt und ohne große Hoffnung. „Transit“, ein neues, großes Werk dieses deutschen Ausnahmeregisseurs, der zuletzt mit seinem Trümmerfilm „Phönix“ arg enttäuschte, bringt Petzold wieder zurück zu seinen großen Tagen.

Aber diesmal ist es ein gewagtes Experiment, das er eingeht; er verschmilzt zwei Zeitebenen zu einer, wenn er die Geschichte des Deutschen Georg (preisverdächtig: Franz Rogowski) erzählt, der im Frankreich des Jahres 1940 auf seine Ausschiffung nach Amerika hofft, aber mit jedem Schiff, das in Marseille ablegt, schwinden seine Chancen auf ein rechtzeitiges Fortkommen. Unterwegs trifft er auf die schöne Elisa (Paula Beer), die ebenfalls Fluchtpläne hat, aber auf ihren Mann warten will, der jedoch längst tot ist. Allein: Das will Elisa nicht wahrhaben. Das große Warten auf Visa- und Transit-Dokumente beginnt.

Ist 1940 wie 2018?
Der Clou an „Transit“ ist, dass Petzold die Handlung nicht als „Period Piece“ in historischem Gewand erzählt, sondern ungeniert ins Heute verlegt, also einfach so tut, als wäre 1940 wie 2018. Dieser Kunstgriff stößt so manchem Berlinale-Besucher sauer auf. Weil das Leid heutiger Flüchtlinge mit jenem der geflohenen Nazi-Verfolgten nicht vergleichbar wäre, konnte man etwa lesen.

Tatsache ist aber, dass Petzold auf diese Weise magisch verbindet, was ohnehin zusammengehört. Die Zeitdimension und der angebliche Fortschritt vom Früher ins Heute ist so groß nicht: Auch, wenn heute alles modern aussieht und man seine Füße nicht mehr in Lumpen hüllt, sondern als Flüchtling auch Nike-Schuhe anhaben kann, ändert das am Leid per se nichts: Petzold macht die Dimension der Veränderung durch Zeit transparent. In Wahrheit hat sich, das ist die Erkenntnis, zum Damals nicht viel geändert, schon gar nicht die menschliche Natur.

„Transit“ ist der bisher stärkste Film einer durchwachsenen Berlinale, die ein paar Lachnummern zu bieten hatte, etwa den feministischen Western „Damsel“ mit Robert Pattinson und Mia Wasikowska oder „Eva“ von Benoît Jacquot, in dem Isabelle Huppert als Edel-Prostituierte auftritt und damit ihrem Auftritt in „Elle“ noch eins draufsetzen will, was aber an der Belanglosigkeit des Plots scheitert.

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