Zauber der Werkstattphase

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Von Uwe Schütte

  • Der hervorragende Katalog zur Dauerausstellung „Peter Handke“ im Stift Griffen.

Im Gegensatz zu Thomas Bernhard vollzieht sich die Apotheose des Peter Handke noch zu Lebzeiten. Allerdings wird er nicht umstandslos zum Staatsdichter promoviert, sondern vorerst nur re-gional monumentalisiert in Form einer Dauerausstellung im Stift Griffen. Der Bürgermeister seiner Heimatgemeinde würdigt den Autor – sehr zurecht – als „großen Sohn unseres kleinen Dorfes“, wie nachzulesen im Vorspann des Begleitbuchs zur Ausstellung.

Herausgegeben von Katharina Pektor, vermittelt es über 300 Seiten einen hervorragenden Überblick über so ziemlich alles, was es über das Leben und Werk von Peter Handke zu wissen gilt. Beide Kategorien stehen nahezu widerspruchslos nebeneinander, was im Fall dieses Autors und angesichts der notwendigen Allgemeinverträglichkeit einer solchen Ausstellung völlig in Ordnung ist.

Information

Katharina Pektor
Peter Handke
Dauerausstellung Stift Griffen. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2017, 314 Seiten, 29,90 Euro.

Neben dem, was man standardmäßig in einer derartigen Bildbiografie erwarten kann, hält Pektors Band einige Überraschungen bereit. So etwa den extensiven Stammbaum (zwei ausklappbare Doppelseiten) mit Portraitfotos aller Familienmitglieder ab dem 20. Jahrhundert, der die ganze Breite des slowenisch-österreichisch-deutschen Hintergrunds deutlich macht, aus dem Handke stammt.

Sehr interessant für alle Handke-Leser, die nicht aus Kärnten stammen oder nach Griffen reisen wollen, um sich die Ausstellung anzusehen, sind ferner jene ausklappbare Doppelseite, die historische Kataster und aktuelle Luftaufnahmen der Marktgemeinde zeigt, und Fotografien von Gebäuden oder Orten, die in der Literatur Handkes eine Rolle spielen, wie die unterlegten Textausschnitte zeigen.

Dergleichen Realia vorzuzeigen ist eine viel zu selten praktizierte Tugend in der Illustration von Literatur, da akademische Theorien zumeist eine Autonomie des Textes reklamieren, die es in der Wirklichkeit so nie gibt. Was das Begleitbuch dergestalt bereits zu Beginn einlöst, setzt sich im Hauptteil fort als eine abwechslungs- und materialreiche Darstellung der Werke Handkes durch Fotos, Zeitungsausschnitte und andere Medien, ergänzt durch Faksimiles der Typo- und Manuskripte. Auch muss kaum betont werden, dass die Physiognomie eines Textes gerade in seiner Werkstattphase vor der Drucklegung jenen besonderen Zauber ausübt, den Handke der Literatur nicht zu unrecht gerne emphatisch andichtet.

Der Katalog bietet zudem kurze Essays von Handke-Experten, die Aspekte seines Werkes aufschlussreich beleuchten und diesen Band vollends zum Pflichtkauf für jeden machen, der sich für den Schriftsteller interessiert, der „ein hellwacher Beobachter des Intimen und des Weltgeschehens ist, wie eine internationale Zeitung festgehalten hat“, wie vom Kärntner Landeshauptmann stolz zu Beginn des Bandes vermerkt wird.