Knöcheltief im Klingonenblut

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Von Bernhard Baumgartner

  • Ist „Discovery“ noch Star Trek? Eine Replik auf Kritik an der neuen „Star Trek“-Serie auf Netflix.

Harte Zeiten, alleine im Weltraum. Sarek und Commander Saru (r.). - © Jan Thijs/CBS

Harte Zeiten, alleine im Weltraum. Sarek und Commander Saru (r.).
© Jan Thijs/CBS

Wien. Jetzt ist die erste Staffel also vorbei. „Star Trek Discovery“ hat sich mit einem dicken und für die Hardcore-Fans versöhnlichen Cliffhanger in die Pause bis zur zweiten Staffel verabschiedet. Obwohl das Urteil der Kritiker weitgehend positiv war, gab es dennoch kaum eine Serie des „Star Trek“-Kanons, die unter den Fans so kontrovers diskutiert wurde. „Das ist nicht mehr ‚Star Trek‘!“ war die Killerphrase der Enttäuschten, die natürlich trotzdem jeden Montag auf die Freischaltung bei Netflix warteten. Denn: Hey, als Fan muss man das gesehen haben, wenngleich auch nur, um zu wissen, warum man es überhaupt nicht mag.

Man mag ein Stück weit Verständnis aufbringen. „Discovery“ ist tatsächlich die bei weitem düsterste Geschichte des Franchise. Mitten im blutigen Krieg mit den Klingonen, die gerade ihr Empire schmieden. Mit Gabriel Lorca als Captain, der so gar nicht nach den einstigen Prinzipien handelt. Gewaltbereit, ignorant, pflichtvergessen: Mehr impulsiver Kriegsherr denn Verfechter hoher moralischer Werte, wie es der belesenen, kultivierte Captain Picard in „The Next Generation“ war. Alleine die Bildsprache verriet: Hier stimmt was nicht – und, wie man im Laufe der Staffel, erfuhr: Hier stimmte wirklich etwas nicht. Es gab einen Grund für den scheinbaren Verfall der Utopie, die „Star Trek“ eigentlich transportieren sollte. Wer das Finale gesehen hat, weiß, dass die Serie sozusagen mit quietschenden Reifen einen U-Turn hinlegte, der die Fans wohl ein Stück weit versöhnt hat: Es gibt sie noch, die Werte der Föderation. Dieser Sehnsuchtsort, in dem alle alles bekommen, was sie brauchen, wo niemand mehr leiden muss und der Glaube an den Fortschritt, in eine bessere Welt Früchte getragen hat.

So gesehen ist mit „Star Trek Discovery“ das Franchise in der Realität des Heute angekommen. So wie sich auch in der realen Welt viele denken, dass das nicht die Zukunft sein kann, die man sich erträumt hat, so spiegelt das auch die Serie wider. Wir sind enttäuscht, dass 50 Jahre nach „Star Trek“ einzig die Pads Wirklichkeit geworden sind. Kein Beamen, keine Reisen in den Weltraum, von Friede und Einigkeit keine Rede. Das ist es was „Star Trek Discovery“ ein Stück weit abgeklärter macht als seine Vorgänger. Und genau das will man als Fan eben nicht.

Wuchtige Narrative
Auf der anderen Seite hätte es auch keinen Sinn gemacht, eine Serie wie „Next Generation“ neu aufleben zu lassen. Was es da an Kritik gegeben hätte – einfach, weil das Fernsehen heute nicht mehr so ist wie damals. Wer sich nach „Next Generation“ oder dem großartigen „Deep Space Nine“ sehnt, möge sich die Serien auf Netflix ansehen. Aber wenn man „Star Trek“ heute, 2018, neu erfinden muss, dann sieht es so aus, wie TV-Serien heute eben aussehen. Ausladend erzählte Themenbögen in halb so vielen Episoden, die den Figuren einfach weniger Raum für Tiefe lassen.

„Discovery“ ist eben so, wie man Science Fiction und Mystery auf Netflix kennt. Es muss mit faszinierenden Narrativen wie „Stranger Things“, „The Expanse“ oder auch „Dark“ konkurrieren. Wuchtige, komplizierte Konstrukte, die den Seher hineinziehen und die man bei einmal ansehen gar nicht in allen Details aufnehmen kann. Das kann man nicht mit einer routiniert runtererzählten 41-Minuten-Folge von „DS9“ oder „Voyager“ aus den Neunzigern vergleichen, gegen den sich eine Folge von „Discovery“ wie ein Spielfilm annimmt – in HD, mit allen Effekten und allem Aufwand. Es ist ein Unterschied, ob man graue Styroporplatten als Felsen verkaufen kann oder jede Szene gerendert werden muss.

Sicher, das ist für den Fan gewöhnungsbedürftig. Aber daran sieht man, welch enorme Entwicklung das Genre in den letzten Jahren genommen hat. Vielleicht ist die Kritik an „Discovery“ auch ein Stück weit eine Kritik an dieser Entwicklung. Und dennoch: Kein Fan wird sich die zweite Staffel entgehen lassen. Möge sie lange und in Frieden leben.