Schlag nach bei Schopenhauer

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Von Joachim Lange

  • Daniel Barenboim und Dmitri Tcherniakov mit „Tristan und Isolde“ an der Berliner Staatsoper.

Elegante Gegenwartsbehauptung: "Tristan und Isolde" mit Andreas Schager (Mitte) in der Titelrolle in Berlin.
Elegante Gegenwartsbehauptung: „Tristan und Isolde“ mit Andreas Schager (Mitte) in der Titelrolle in Berlin.© Monika Rittershaus
Elegante Gegenwartsbehauptung: „Tristan und Isolde“ mit Andreas Schager (Mitte) in der Titelrolle in Berlin.© Monika Rittershaus

Die Berliner Staatsoper ist, nach jahrelangen Sanierungsarbeiten und einem Exil im Schillertheater, wieder ganz bei sich: daheim Unter den Linden. Im umgebauten Haus hat sich freilich die Akustik verändert, die Premiere von „Tristan und Isolde“ kann da durchaus als Nagelprobe gelten. Diese wurde am Sonntag aber (zumindest für Hörer im ersten Rang) glänzend bestanden.

Daniel Barenboim und die Mitglieder seiner Staatskapelle kennen das Haus besser als jeder andere und schwelgen in Richard Wagners Werk; Barenboim hat es ein halbes dutzend Mal einstudiert. Er zeichnet die Musik fein, bremst das Tempo dabei aber so sehr aus, dass sogar vokale Kraftpakete wie Andreas Schager Mühe haben, nicht durch die Maschen zu fallen. Was allerdings nicht passiert. Schager geht, nicht zum ersten Mal, mit etwas zu viel Kraft in den Abend. Glücklicherweise landet er rechtzeitig zum großen Liebesduett auf Augenhöhe mit der klanglich leuchtenden Isolde von Anja Kampe. Die hält ihr Niveau, inklusive einer erstaunlichen Wortverständlichkeit, und krönt es mit einem atemberaubenden Liebestod.

Schager-Rendite
im dritten Aufzug
Im dritten Aufzug freilich gibt es auch eine Schager-Rendite. Der Österreicher ist einer der wenigen, die gegen Ende noch so aufdrehen können, dass man nichts von den Anstrengungen der bereits absolvierten zwei Aufzüge merkt. Über dieses mühelose Auflodern kann man nur staunen: ein Fiebertraum vom Feinsten.

Schager und Kampe sind, neben der Staatskapelle, die Trümpfe dieser Produktion. Ekaterina Gubanova als Brangäne und Boaz Daniel als Kurwenal sekundieren den beiden mit ihrer Vitalität und szenischen Präsenz. Stephen Milling ist ein routinierter König Marke. Insgesamt wird musikalisch und vokal Staatsopernniveau geboten.

Der Regisseur des Abends, der hochgehandelte Russe Dmitri Tcherniakov, bietet für jeden Aufzug einen in sich stimmigen, geschlossen Raum, der zusammen mit den Kostümen von Elena Zaytseva die Nähe zur Gegenwart behauptet. Zu sehen gibt es etwa eine Herrenrunde in der holzvertäfelten Messe eines Luxusliners, einen Salon mit Waldtapete und Schiebetür bei König Marke, zuletzt stirbt Tristan in einem verwitterten Landhaus der Erinnerung. Offenbar geht es Tcherniakov um die Suche nach dem zeitlosen, emotionalen (oder auch philosophischen) Kern von Wagners Liebes-Erklärung. Die amouröse Sehnsucht ist für seinen elternlos aufgewachsenen Tristan zur Todessehnsucht geworden. So führt das Liebesduett hier zu einer Verabredung zum Doppelselbstmord. Dieser wird mit Schopenhauer begründet, den Tristan in schriftlicher Form dabei hat.

Assoziationen, die
ins Nichts führen
Verblüffenderweise hat Tcherniakov, der nachgewiesenermaßen auch Geschichten und Subtexte packend erzählen kann, diesmal Angst vor der Erstarrung im Tableau. Mit illustrierenden Aktionen oder Erinnerungseinblendungen an die Eltern tappt er aber genau in diese Falle. Wenn an die festliche Gesellschaft zu Beginn des zweiten Aufzuges zur allgemeinen Gaudi Jagdgewehre ausgeteilt werden, ergibt das zwar assoziativ Sinn: Man denkt automatisch an Elfriede Jelineks „Rechnitz“; wenn die Liebesnacht von Tristan und Isolde auffliegt und eine Festgesellschaft hinter der Schiebetür an einem Tisch sitzt, fällt einem der „Diskrete Charme der Bourgeoisie“ ein. Es folgt dann aber nichts, was über Illustration hinausgeht. Diese Inszenierung macht nicht wirklich glücklich. Sie hinterlässt mehr Fragen als Antworten.

Oper

Tristan und Isolde

Von Richard Wagner

Staatsoper Unter den Linden Berlin

Wh.: 15., 18., 25. Februar. 3. März