Die Eier des „Wikinger-Piefke“

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  • Stefan Herheim, ab 2022 Intendant des Theaters an der Wien, sucht eine Möglichkeit, Menschen zu einen.

Stefan Herheim übernimmt erstmals eine Intendanz. - © apa/Hochmuth

Stefan Herheim übernimmt erstmals eine Intendanz.
© apa/Hochmuth

Wien. Vielleicht hat ja irgendwann jeder ein Bedürfnis nach künstlerischer Heimat – dem Regisseur Stefan Herheim jedenfalls ist es so ergangen. Seine Entscheidung, sich um die Intendanz des Theaters an der Wien (TaW) zu bewerben, war kurz vor Weihnachten von Erfolg gekrönt. Herheim verspricht dem Opernpublikum unter seiner Ägide ab der Spielzeit 2022/2023 nun „nicht nur kunstvoll Süßes, sondern auch Pikantes und Scharfes“.

„Es wird eine übergeordnete Dramaturgie für dieses Haus geben, die auf meiner eigenen Ästhetik fußt“, machte der 47-jährige Norweger deutlich. Er plane, pro Saison selbst mindestens zwei Inszenierungen am Haus zu gestalten: „Dafür werde ich meine freiberufliche Karriere als Regisseur weitgehend einstellen.“ Er erlebe in der Opernwelt bezüglich der Qualität immer wieder Dinge, die ihn befremden und teils beschämen würden – deshalb ziehe er jetzt die Konsequenzen. Bis dato habe er Angebote, eine Intendanz zu übernehmen, nie erhört: „Da ich die Bühnenbretter dem Büroparkett vorziehe, habe ich bisher immer abgelehnt. Mit den Jahren ist mein Bedürfnis nach einer künstlerischen Heimat aber gewachsen.“

Treue Dienste
Dabei begreift der neue Theaterchef seine Aufgabe nicht als Egoshow: „Darauf möchte ich meine Intendanz gründen: Nicht auf einem Ich, sondern einem großen Wir. Mich interessiert nicht der Titel des Intendanten, sondern die Möglichkeit, Menschen zu einen.“ Ob die Zahl der Premieren angesichts der vorhandenen Mittel zu steigern sei, könne er derzeit noch nicht sagen, betonte der Neo-Theaterchef: „Manchmal ist weniger auch mehr.“ Eine künstlerische Leitung müsse sich jedenfalls als Kern einer Musiktheaterwerkstatt begreifen: „In diesem Sinne gelobe ich, dem Theater an der Wien treu zu dienen.“

Und dann schlug bei dem nach Eigendefinition in Deutschland sozialisierten Norweger („ein Wikinger-Piefke“) ein zum neuen Heimatstandort passender freudscher Versprecher zu, als er Karl Kraus’ Aphorismus „In der Kunst kommt es nicht darauf an, dass man Eier und Fett nimmt, sondern dass man Feuer und Pfanne hat“ unfreiwillig zu „Man braucht vor allem Eier“ paraphrasierte. Eine Umdeutung, die ebenfalls durchaus stimmig sein dürfte.

„Wir alle wissen, dass Stefan Herheim ein Regisseur ist, der auf technischer Seite den Teams – Gott sei Dank – einiges abverlangt“, konstatierte der nun bis 2022 verlängerte Intendant Roland Geyer. Herheim tritt erst 2022 im TaW an, um seinen projektierten „Ring“ an der Deutschen Oper Berlin fertigzustellen. Er verstehe seine zwei zusätzlichen Saisonen dabei nicht als bloßen Appendix, unterstrich Geyer: „Ich möchte noch einmal einen Kulturpfeiler im Theater an der Wien einschlagen.“

Und auch Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) zeigte sich mit der von ihm getroffenen Personalentscheidung rundum glücklich: „Das Theater an der Wien ist damit für einen positiven Wettbewerb in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts gerüstet“, verwies er auf die gleichzeitig erfolgende Neubesetzung der Staatsopern-Spitze mit Bogdan Roščić. Und für diesen künstlerischen Wettstreit sei Stefan Herheim der Richtige: „Er ist einer der hervorragenden, herausragenden Opernmenschen, die es derzeit global gibt.“