Das Taschenstudio aus dem Maßanzug

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Von Andreas Rauschal

  • Das Schweizer Pop-Duo Yello gastierte auf seiner ersten Tour in 38 Jahren Bandgeschichte in Wien.

Für Schweizer Verhältnisse und das Erbe des Uhrmacherhandwerks ist es natürlich ein Skandal, dass das Konzert mit dreizehn Minuten Verspätung beginnt, auf die zuhause vermutlich ein Jahr Emmentalerprohibition oder zwei Saisonen Badeverbot im Zürisee stehen. Allerdings sei Yello um Musikmastermind Boris Blank, der hinter dem Laptop mit seiner eigens nach Wien mitgebrachten Maus wahrscheinlich gerade im Internet surft, und Dieter Meier, dem ewigen alten Sir mit Stecktusch und Seidenschal, so viel zünftiges Rockerverhalten auch einmal zugestanden. Seit der Gründung im Jahr 1979 existiert ihr Projekt Yello bekanntlich im Studio, für professionelle Live-Auftritte vor Publikum mussten die Beiden aber 65 und 72 Jahre alt werden, um bei Anmoderationen heute etwa hinsichtlich sich selbst als „junge Band“ scherzen zu können.

Die von bisher keinen Konzerten beförderte Distanz zum Endverbraucher führt zwar dazu, dass in der Wiener Stadthalle am Mittwoch nur ein Sechstel der möglichen Plätze besetzt ist. Yello reagieren darauf aber wohl auch aufgrund des ihnen schon länger vertrauten Status Quos in Finanzangelegenheiten entspannt. Sie haben ausgesorgt. Nur von Altersgelassenheit sollte man eher nicht reden, Dieter Meier war ja schon immer so. Und er sieht erstaunlicherweise auch heute noch aus wie auf den teils schlechter als er selbst gealterten Zuspielern, die als Gruß einer Zeit vor Tschernobyl über die Videowall flimmern.

Ihre erste Konzertreise legen Yello ebenso überraschend übrigens nicht als Nostalgieshow an. Acht der zwanzig Songs auf der Setlist stammen aus dem aktuellen Album „Toy“, das das Duo mit Nudelsieb auf dem Kopf im Vorjahr einerseits einmal mehr als verspielte Kindsköpfe präsentierte, die nur aussehen wie Zigarren-in-der-Hand-Gutsherren im Maßanzug. Andererseits schimmert bei einer Altersreflexion wie „30.000 Days“ dann doch etwas von der nachdenklichen Barhockerstimmung durch, die mit „Out Of Chaos“ 2014 auch das Solodebüt Meiers bestimmte.

Hoher Wiedererkennungswert
Davor und danach werden die alten, von Meier zwischen Dada-Sprech, Protorap und gesampelten Lauten aus der Kehle dargereichten Songs, die live nachdrücklich und durchwegs lautstark per Gitarre, Percussions und Bläserabordnung um Funk, afrikanische Volksfeststimmung und Karneval in Rio ausgebaut werden, in restaurierten Versionen als Klang-Rundumerlebnis präsentiert. Wo Meier stimmlich untergeht und seinen Standort auf der Bühne als Stehtänzler lediglich auf eine mögliche Millimeterabweichung hin überprüft, helfen mit Malia und Fifi Rong zwei Gastsängerinnen aus, die mit dem einst von Shirley Bassey intonierten „The Rhythm Divine“ einen Hauch James Bond in die Stadthalle bringen oder als Kimono-Geisha umgehen werden. In aller Bescheidenheit spielt Meier neben „Bostich“ den auch vom Duffman aus den Simpsons bekannten Hit „Oh Yeah“ vom historischen Glücks- zum Zufall herunter. Ebenso wie das als letzte Zugabe auf Dynamik gepolte „The Race“ sind es die Hauptbeiträge Yellos zur Popgeschichte, deren Wiedererkennungswert als Zukunft von gestern bis heute gegeben ist.

Etwas iPhone-Techno via Eigenapp gibt es auch. Zwischen „Wetten, dass . . ?“ und ZKM und mit Gadget-Nerd Blank im von Meier anmoderierten „Taschenstudio“ aus dem Sakko beweisen Yello – und das ist die gute Nachricht des durchwachsenen, aber charmanten Abends -, dass Jugend tatsächlich keine Frage des Alters ist. Sie ist eine Frage der Einstellung.

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