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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Biennalekuratorin Felicitas Thun-Hohenstein steht für politische und emanzipatorische Konzepte – auch in der Galerie Charim.

Felicitas Thun-Hohenstein (hier mit Kulturminister Thomas Drozda) wird den Österreich-Beitrag der Biennale 2019 kuratieren. - © apa/Daniele Nalesso

Felicitas Thun-Hohenstein (hier mit Kulturminister Thomas Drozda) wird den Österreich-Beitrag der Biennale 2019 kuratieren.
© apa/Daniele Nalesso

„Material Traces“ ist eine Themenausstellung, die auch erweitert für eine Kunsthalle passen würde. Galeristin Miriam Charim hat dabei zugestimmt, auch Künstlerinnen wie Janine Antoni und Lynda Benglis für die Zeit der Schau in ihr Programm aufzunehmen, die sie sonst nicht vertritt. Die Kuratorin ist nicht irgendjemand: Felicitas Thun-Hohenstein wurde kürzlich von Minister Thomas Drozda zur Kommissärin des österreichischen Beitrags für die 58. Biennale 2019 in Venedig gekürt. Seitdem werden im Kunstbetrieb Wetten abgeschlossen, wen sie auswählen wird (Bekanntgabe ist erst im Mai).

Offenes System bevorzugt
Jedoch ist bereits bei ihrer Vorstellung am 26. November zum Ausklang der diesjährigen Biennale klar gesagt worden, dass sie einen Anachronismus beenden wird und nach 124 Jahren die erste Einzelpräsentation einer Künstlerin im österreichischen Pavillon plant. Wie ihre wissenschaftliche Arbeit verrät, wird es eine sein, die sich einem offenen System verschieben hat, also neben neuen Medien, Objektkunst oder Fotografie auch Performerin ist. Damit ist schon viel mehr bekannt als bei früheren Kommissären. Da Thun-Hohenstein sich immer für politische und emanzipatorische Konzepte starkgemacht hat, wie etwa bei der Biennale in Kairo von 2008 mit einer Dialogarbeit von Dorit Margreiter und Roberta Lima ersichtlich, plant sie parallel zu dieser Personale auch eine Ausstellung in Venedig und hofft, für diese Sponsoren zu finden.

Sie beklagt zu Recht, dass im Lauf der letzten Jahrzehnte schon viele der wichtigen Künstlerinnen-Positionen, die heute in ihrer Midlife-Career angelangt sind, „verbraten“ wurden, indem sie sich mit einem Drittel oder Viertel des Pavillons neben anderen abmühen mussten. Dadurch sei ihre Auswahlmöglichkeit gar nicht so groß. Eine Künstlerin ohne Bezug zu Österreich wird es bei aller Kritik an den Nationalpavillons nicht werden, da Thun-Hohenstein mit ihrer Entscheidung „positiv in die Zukunft wirken will“.

Umso spannender ist es, mit ihr in einer Ausstellung wie „Material Traces“ besondere Interessensbereiche auszuloten, die sich der erweiterten Ästhetik in der Gegenwartskunst widmen. Eine Ausstellung über Pablo Picasso würde sie nicht kuratieren, doch bei einem Beitrag für Cathrin Pichlers Personale für Antonin Artaud 2002 im Mumok ist ihr dessen wichtige Körper-Position für die nachfolgende performative Wende in den 1960er Jahren aufgefallen: „Das eine ergibt sich bei mir aus dem anderen“, so Thun-Hohenstein. Es folgte ihre Habilitation über „Die Performanz und ihre räumlichen Bedingungen“.

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