Mit Sprengstoff und der Präzision einer Schweizer Uhr

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Von Andreas Rauschal

  • Zum Tod des Gründungsmitglieds, Songschreibers und Rhythmusgitarristen von AC/DC, Malcolm Young.

Der Riffmeister: Malcolm Young erlag den Folgen einer Demenzerkrankung. Er wurde 64 Jahre alt.
Der Riffmeister: Malcolm Young erlag den Folgen einer Demenzerkrankung. Er wurde 64 Jahre alt.© afp
Der Riffmeister: Malcolm Young erlag den Folgen einer Demenzerkrankung. Er wurde 64 Jahre alt.© afp

Sein Bruder Angus Young war und ist in der ewigen Schuluniform dafür bekannt, live im Stolperschritt Faxen zu machen – und dem jeweiligen Frontmann der Rockband AC/DC zwischen Schauwert und Unsinn gerne die Show zu stehlen. Nicht nur vergleichsweise stoisch aber stand bei Konzerten der Band quer durch fünf Karrierejahrzehnte im bevorzugten Hintergrund mit Malcolm Young aber ein Rhythmusgitarrist auf der Bühne, der für die Band selbst und den Rock’n’Roll als solchen ihr wahrscheinlich prägendstes Mitglied war.

Immerhin erkennt man die größte nicht nur in Songtiteln, sondern auch in puncto Lautstärke, Wirkungsmacht und kommerzielle Zugkraft auf Sprengstoff gepolte Hard-Rock-Band der Welt binnen Sekunden an den prägnanten Riffs, die Malcolm Young gleichermaßen schrieb und an seiner Gretsch-Gitarre zwischen offenen Akkorden und geringer Verzerrung mit der Verlässlichkeit eines Schweizer Uhrwerks umgesetzt hat.

Der Werdegang des am 6. Jänner des Jahres 1953 als siebentes Kind einer musikalischen Familie in Glasgow geborenen Gitarristen vor der Weltkarriere: Übersiedlung nach Australien im Jahr 1963, Schulabbruch im Alter von 15 Jahren, erste Schritte ins Rockgeschäft an der Seite seines älteren Bruders George, der AC/DC ursprünglich produzierte, nachdem Malcolm und Angus die Band im Jahr 1973 gegründet hatten.

AC/DC füllten jedes Stadion
Als zwei Jahre später mit dem programmatischen „High Voltage“ das Debütalbum der Band zunächst nur in Australien erschien, ließ noch nicht allzu viel auf ihren später mit Konzerten in Fußballstadien exerzierten Erfolgszug schließen. Allerdings bildeten von Malcolm Young mitgeschriebene und bis zuletzt live bejubelte Hits wie „It’s A Long Way To The Top (If You Wanna Rock’n’Roll)“, „T.N.T.“ oder „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“ bereits im Folgejahr das Fundament dafür. Was seither entstand, war die Modulation und Nuancierung des Bewährten. Aber hallo, AC/DC klingen nicht gleichförmig, sie haben eine Vision!

Rhythmische Trittsicherheit
Das Hitalbum „Back in Black“ markierte im Jahr 1980 den vorläufigen Höhepunkt des Aufstiegs von AC/DC, mit dem Alkoholtod von Sänger Bon Scott aber auch eine Zäsur. Unter dessen Nachfolger Brian Johnson begab sich Malcolm Young 1988 schließlich selbst auf Entzug, um der Band im Anschluss auf je nach Mode großen, sehr großen oder überwältigend großen Welttourneen mit hohem Arbeitsethos wieder rhythmische Trittsicherheit zu garantieren.

Nach überstandenem Lungenkrebs, auf den eine Demenzerkrankung folgte, war der Vater zweier Kinder 2014 auf dem bisher letzten AC/DC-Album „Rock Or Bust“ noch mit Songwriting-Credits vertreten, den Job als Gitarristen hatte da aber bereits sein Neffe Stevie Young übernommen.

Schwere Zeiten für AC/DC markierten in den Jahren 2015 und 2016 außerdem die Kündigung ihres Schlagzeugers Phil Rudd nach Drogenproblemen und einer Morddrohung sowie der Abgang Brian Johnsons (und sein Austausch durch Axl Rose) aufgrund drohenden Gehörverlusts. Nachdem sein Bruder George erst im Vormonat verstarb, folgte ihm Malcolm Young nun am vergangenen Samstag. Er wurde 64 Jahre alt.

Mit Angus als letztem Originalmitglied steuern AC/DC einer ungewissen Zukunft entgegen. Eine alte Forderung aber bleibt. Sie lautet: „Let there be rock!“