Entzaubert vom Digital-Boom: ProSiebenSat1 auf Chef-Suche

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  • Thomas Ebeling muss nach Eklat seinen Chefsessel im deutschen Medienkonzern räumen.

Thomas Ebeling.
Thomas Ebeling.© picturedesk
Thomas Ebeling.© picturedesk

München. (bau) Bei seinem Amtsantritt 2009 lag ProSiebenSat1 auf dem Boden. Die klassische Werbung war massiv weggebrochen, das Netz drohte, das Privatfernsehen gänzlich zur Seite zu drängen und das Drama mit den Streamingdiensten zeichnete sich zumindest auf dem Horizont ab. Ein Wunderwuzzi aus der Pharmabranche sollte es damals richten: Mit Thomas Ebeling wechselte ein branchenfremder Manager zu ProSiebenSat1 – und machte zunächst alles richtig. Vom Allzeittief bei 88 Cent zu seinem Amtsantritt 2009 stieg der Aktienkurs unter dem studierten Psychologen zeitweise auf mehr als 50 Euro. Mit dem Verkauf ausländischer Sender und einer massiven Expansion im Internet trug Ebeling den Schuldenberg ab und beförderte den Konzern in die Gewinnzone.

„Fett und arm“
Doch nun muss Ebeling seinen Hut nehmen, mit Februar 2018 legt er sein Mandat zurück – ein gutes Jahr vor dem Ende seines Vertrages. Die Affäre um abschätzige Äußerungen über die Zuschauer der Senderkette aus ProSieben, Sat1, Kabel1 und mehreren Spartensendern waren dabei nur die Spitze des Eisbergs. Ebeling hatte für Aufsehen gesorgt, als er vor Analysten die Affinität der Zielgruppe zum klassischen Fernsehen mit den Worten erklärt hatte: „Es gibt Menschen, die ein bisschen fettleibig sind und ein bisschen arm, die immer noch gerne auf der Couch sitzen, sich zurücklehnen und wirklich gerne unterhalten werden.“ Bereits im vergangenen Jahr verließen in kurzer Folge drei Vorstandsmitglieder und sein Pressesprecher den Konzern, der Vorstand wurde wiederholt umgebaut. Auf der Hauptversammlung verweigerten die Aktionäre ihre Zustimmung zum Bonussystem des Vorstands – nicht unbedingt ein Vertrauensbeweis.

Einen Shitstorm später ist Ebeling seinen Job erstmal los, sehr zur Freude der Anleger: Obwohl ProSiebenSat1 nach eigenen Angaben noch keinen Nachfolger gefunden hat und sich sogar für eine Übergangszeit ohne dauerhaften Chef wappnet, schoss die Aktie um 4,7 Prozent in die Höhe. Spekulationen um einen Einstieg der US-Senderkette NBC-Universal machten die Runde. Ein Nachfolger des heute 58-jährigen Ebeling wird offenbar außerhalb des Konzerns gesucht. Für den Fall, dass ein neuer Chef nicht rechtzeitig bereitsteht, soll der langjährige Vorstand und Chefjurist Conrad Albert für eine Übergangszeit die Amtsgeschäfte übernehmen.

Dennoch darf sich Ebeling zugutehalten, sehr früh auf das boomende Digitalgeschäft gesetzt zu haben. Erfolgsgeschichten wie das Partnerportal Parship machten mit ihren Umsätzen ProSiebenSat1 unabhängiger von der schwächelnden Fernsehwerbung. Start-ups wurden mit massiver TV-Werbung hochgezogen – und bezahlten dafür mit Geschäftsanteilen, ein guter Deal für beide Seiten. Heute stammen weniger als die Hälfte der Einnahmen aus klassischer TV-Werbung.

Parship versilbern?
An der Strategie soll sich auch unter dem neuen Chef nichts ändern. Zuletzt gab es Bemühungen, die erfolgreichen Online-Portale zu versilbern. Für das Vergleichsportal Verivox und Parship sind Insidern zufolge mindestens vier Angebote eingegangen, nach denen die Digital-Sparte deutlich mehr als 1,3 Milliarden Euro wert ist. Das macht die Digitalsparte, zwar nicht so öffentlichkeitswirksam, aber dafür hochprofitabel, zum eigentlichen Star des Konzerns. ProSiebenSat1 will sich daher nur von einem Minderheitsanteil trennen.

Der Abgang hat möglicherweise auch Konsequenzen für Österreich. Immerhin gehört ProSiebenSat1 die größte private Sendergruppe ProSiebenSat1Puls4, die erst im Frühjahr ATV und ATV2 schluckte. Den Österreich-Ableger leitet seit bald zwei Jahrzehnten Markus Breitenecker, die Renditen können sich jedenfalls nach Medienberichten sehen lassen: 2016 erwirtschaftete man 29,5 Millionen Ergebnis bei 151 Millionen Euro Umsatz.