Utopie und Chaos

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Von Petra Paterno

  • Die 18. Nestroy-Gala war politisch, spontan und amüsant wie lange nicht mehr.

"An Wünschen festhalten, auch wenn sie utopisch sind." Doris Uhlich und Michael Turinsky erhielten den Spezialpreis.
„An Wünschen festhalten, auch wenn sie utopisch sind.“ Doris Uhlich und Michael Turinsky erhielten den Spezialpreis.© apa/H. Punz
„An Wünschen festhalten, auch wenn sie utopisch sind.“ Doris Uhlich und Michael Turinsky erhielten den Spezialpreis.© apa/H. Punz

„Dass es so ein schöner Abend wird, hätte ich nicht gedacht,“ sagte Joachim Meyerhoff bei seiner Dankesrede. Ähnlich überrascht waren wohl die meisten Besucher: Die 18. Gala der Nestroy-Preisverleihung war ein Hit. Meyerhoff wurde übrigens für seine Darstellung in Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ als bester Schauspieler geehrt.

Schirmherrin der Preisverleihung im Ronacher war Burg-Direktorin Karin Bergmann. Als souveräne Krisenmanagerin führte sie mit verschiedenen Gästen durch die fast dreistündige Veranstaltung. Der Grund für ihren Spontanauftritt: Das bei Autorin Julya Rabinowich in Auftrag gegebene Textbuch erwies sich als zu ausufernd und nicht realisierbar. Ein Plan B wurde offenbar erst kurzfristig übers Wochenende gefunden.

Unter Entertainment-Granden
Bergmann holte sich Starthilfe bei Michael Niavarani, der gleich in den ersten Minuten der Gala für Lacher sorgte. Niavarani bat dann noch Otto Schenk auf die Bühne. Mit der Grandezza altgedienter Entertainment-Granden präsentierten die beiden den besten Nachwuchs (prämiert wurden Regisseur Felix Hafner und Schauspielerin Maresi Riegner).

Für die beste Nebenrolle wurde Birgit Stöger ausgezeichnet. Die Volkstheater-Schauspielerin münzte ihre Dankesrede in ein politisches Statement um, damit kam ihr an diesem Abend eine Hauptrolle zu: Stöger erinnerte an den irakischen Flüchtling, dessen Lebensgeschichte die Theateraufführung „Lost and Found“ (2015) inspiriert hatte. Er habe sich seitdem in Wien eingelebt, sei ein Freund geworden und erhielt dennoch einen negativen Asylbescheid. Stögers Schlusssatz – „wenn der österreichische Staat ihn abschiebt, kommt dies einem Todesurteil gleich“ – wurde von den Zuschauern mit minutenlangen Standing Ovations quittiert. Wenig später versprach Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ), „in einer meiner vielleicht letzten Amtshandlungen“ diesen Asylbescheid noch einmal überprüfen zu wollen.

Den nächsten großen Bühnenmoment bescherte der im Rollstuhl sitzende Tänzer Michael Turinsky. In seiner Dankesrede für den Spezialpreis, den er und die Choreografin Doris Uhlich „für Inklusion auf Augenhöhe“ in der Performance „Ravemachine“ erhielten, sagte Turinsky, dass „Ausgrenzung in diesem Land wieder salonfähig“ werde. Er hielt ein Plädoyer für den „Glauben an die Utopie, dass ein gutes Leben für alle“ möglich sei, weil „mein Leben hat mich gelehrt, an Wünschen festzuhalten, die utopisch sein mögen.“ Auch seine Rede wurde mit stürmischem Applaus bedacht.

Der vor allem als Entwickler von Fernsehsendungen bekannte David Schalko punktete schließlich mit einer prägnanten, angeblich „im Taxi geschriebenen“ Rede über die „Gefährlichkeit der Kunst“: Ein luzider Rundumschlag, der von Sebastian Kurz über H. C. Strache bis hin zum Wahlvolk und dem subventionierten Staatskünstler keine Pointe ausließ.

Andrea Jonasson, seit einigen Jahren regelmäßig im Theater in der Josefstadt zu sehen, wurde heuer für die Gestaltung der Freifrau Sophie von Essenbeck in Viscontis „Die Verdammten“ als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Für dieselbe Aufführung wurde Elmar Goerden zum besten Regisseur gewählt. Als beste deutschsprachige Aufführung überzeugte die Jury „Die Räuber“ in der Inszenierung von Ulrich Rasche am Residenztheater München, weiters standen Frank Castorfs „Faust“ und Simon Stones „Drei Schwestern“ zur Diskussion.

Heiteres Chaos
Den Publikumspreis gewann Max Simonischek, als beste Off-Produktion machte die André Heller-Hommage „Holodrio“ in der Regie von Rabenhof-Intendant Thomas Gratzer das Rennen. In den Bundesländern stach Heiner Müllers „Der Auftrag: Dantons Tod“ am Schauspielhaus Graz besonders hervor.

Drei Preisträger standen von Beginn an fest: Der pakistanisch-amerikanische Dramatiker Ayad Akhtar wurde für sein Stück „Geächtet“ gewürdigt, auch Bühnenbildnerin Katrin Brack war eine Trophäe sicher und das Lebenswerk von Burg-Schauspielerin Kirsten Dene wurde honoriert. Michael Maertens hielt eine launige Laudatio. Dene selbst zitierte aus Thomas Bernhards Stück „Ritter, Dene, Voss“ und beendete ihre Rede mit „einem leisen Servus und einem lauteren: Obacht geben!“

Es waren nicht die polierten Elogen und routinierten Show-Einlagen, die üblicherweise eine Nestroy-Gala bestimmen, etwas anderes passte und verfing an diesem Abend: ein Moment von Solidarität und heiterem Chaos.