Nicht sagen!

194

Von Bernhard Baumgartner

  • Wie geht es in beliebten Serien weiter? Vom Spoiler als maßlosem Ärgernis des Streaming-Afficionados.

Schweigen ist Gold, Reden ist Blech. - © gettyimages

Schweigen ist Gold, Reden ist Blech.
© gettyimages

Wäre das ein Text über die Inhalte aktueller Serien, würde nun hier ein sogenannter „Disclaimer“ stehen. Er würde davor warnen, diesen Text zu lesen, wenn man nicht bereits eine bestimmte Folge dieser oder jener Serie gesehen hat. Vielleicht würde der geneigte Leser dann überlegen, ob er dennoch weiterliest, weil ihn das Thema interessiert. Er würde vielleicht abwägen, ob sich das auszahlt und wie wichtig es für sein eigenes televisionäre Wohlbefinden wäre, die Spannung zu erhalten. Vielleicht würde ihm auch die Ironie auffallen – ein Journalist, der davor warnt, den eigenen Text zu lesen, so was hat man auch nicht alle Tage.

Aber keine Sorge, in diesem Text wird nicht gespoilert. Alle Informationen sind fein verschlüsselt, sodass keine Spannung verraten wird. Denn mit dem Aufkommen vieler sehr spannender und guter US-Serien, die wir alle zu uns passender Zeit streamen können, hat sich der Spoiler – also das Verraten von Inhalten, die man noch nicht gesehen hat und deren Wissen den Sehgenuss hemmt – zum fast ubiquitären Ärgernis entwickelt. Egal ob Blockbuster wie „House of Cards“, „The Walking Dead“ oder „Orange is the New Black“ – man will nicht vorher wissen, wie es ausgeht. Mit der neuen und vorletzten Staffel von „Game of Thrones“ (GoT) hat das Problem in der Wahrnehmung vieler Fans neue Höhepunkte erlebt. Hier wird gespoilert, dass sich die Balken biegen.

Das Problem ist nämlich, dass wegen der US-Premiere am Sonntagabend die Folge bei uns erst mitten in der Nacht auf Montag konsumierbar ist. Frühestens Montagvormittag sind die sozialen Medien jedoch voll mit Bildern, Texten, Memes oder wohlmeinend erstellten Zusammenfassungen, dass man sich kaum erwehren kann. Kaum eine internationale Zeitung, die sich nicht an diesem besonders fetten Happen Click-Bait beteiligt. Mit anderen Worten: So gut kann man sich eigentlich gar nicht verstecken, als dass einem nicht ein Querschläger auf Twitter, Facebook, Instagram oder im Web trifft.

Eingriff in die Autonomie
Sogar manche heimische Zeitungen veröffentlichen montags Zusammenfassungen der aktuellen GoT-Folge -dabei hat diese bei Sky Deutschland ihre Premiere erst Montagabend. Klar, wenn man ausreichend Tagesfreizeit hat, könnte man die Folge schon vorab streamen. Aber so prinzipiell darf man schon die Frage stellen, wozu es gut sein soll, eine Folge zu besprechen, die noch gar nicht offiziell zu sehen ist. Da sind Spoiler quasi systemimmanent – und das greift schon fast in die Autonomie des Konsumenten ein. Kein Wunder, dass viele schon das Recht auf eine Gnadenfrist einfordern, nach dem Motto: „Gebt uns wenigstens ein paar Stunden Zeit, bis der Orkan losfegt“. Manche wollen eine noch längere Gnadenfrist: Als „Knigge“ einigte man sich kürzlich nach heftigen Diskussionen im deutschen Netflix-Forum auf drei Wochen – danach muss man nicht mehr vorher nachfragen, ob jemand eine Folge schon gesehen hat, ohne unhöflich zu sein. Hardliner, die eine Frist bis zur Erscheinen der Blu-ray-Packung forderten (das wären bei vielen Serien etliche Monate), setzten sich dabei nicht durch.

weiterlesen auf Seite 2 von 2