„Hitler geht immer daneben“

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Wilhelm Buschs Naturgeschichtsverse bereiten Hellmuth Karasek größtes Vergnügen.
Wilhelm Buschs Naturgeschichtsverse bereiten Hellmuth Karasek größtes Vergnügen.© Robert Newald
Wilhelm Buschs Naturgeschichtsverse bereiten Hellmuth Karasek größtes Vergnügen.© Robert Newald

Hellmuth Karasek liebt Witze. Das zeigt sich schon daran, dass er im Gespräch ungefähr 30 Witze als „meinen liebsten“ bezeichnet. Mit „Das find ich aber gar nicht komisch“ hat der Literaturkritiker sein zweites Buch über Witze herausgebracht. Es war also ein pointenreiches Gespräch.

„Wiener Zeitung“: Wie viele neue Witze haben Sie Ihrer Sammlung seit der Ankunft in Wien schon einverleibt?

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Hellmuth Karasek: Ich habe einen aus meinem Gedächtnis zurückgeholt! Einen Graf-Bobby-Witz: Graf Bobby fährt über die Grenze von Österreich nach Ungarn, da gibt es jetzt einen Zoll. Der Beamte macht den ersten Koffer auf: lauter Butterbrote. Zweiter Koffer: lauter Butterbrote. Hand-tasche: lauter Butterbrote. Sagt der Beamte: ,Herr Graf, geht mich ja nichts an, ist nichts zu ver-
zollen, aber: Was machen Sie
mit so vielen Butterbroten? Sagt der Bobby: Mein Freund, der Esterhazy, hat gesagt, in Budapest kriegt man die Frauen für ein Butterbrot . . .

In Ihrem Buch zeichnen Sie die Entwicklung des Witzhörers nach: Im Alter ähnelt die Zotenanfälligkeit wieder jener in der Pubertät…

Richtig. Zum Beispiel: Was ich wahnsinnig liebe, ist Wilhelm Buschs „Naturgeschichtliches Alphabet“. Mein liebster Eintrag ist da: „Den Kakadu man gern betrachtet, das Kalb man ohne weiters schlachtet.“ In meiner Schulzeit war das ständiger Gegenstand von zotigen Parodien. Ich habe mich nur getraut, zwei abzudrucken, eine ist: „Den Puma fängt man mit der Falle, der Puff ist keine Lesehalle.“ Robert Gernhardt hat auch eine gemacht: „Der Kragenbär, der holt sich munter, einen nach dem andern runter.“

Alterswitzen mit leicht sexueller Schräglage widmen Sie viel Raum…

Ich liebe Alterswitze: Ein Mann mit 70 Jahren kommt zum Arzt und sagt: „Herr Doktor, ich hab nach dem Sex immer so ein Pfeifen im Ohr.“ Sagt der Arzt: „Was erwarten Sie in Ihrem Alter, Standing Ovations?“ Oder: Zwei 80-Jährige treffen sich, fragt der eine: „Wie hast du es geschafft, dass dich das 20-jährige Topmodel heiratet?“ – „Ich hab gesagt, ich wäre 90.“ Der ist furchtbar gemein. Aber er entspricht der Wahrheit. Ich muss da immer an den Mörtel Lugner denken.

Sie sind 81 – kam die Lust am Alterswitz erst mit dem Alter?

Nein, ich habe immer schon gerne Witze erzählt. Das ist ein gewinnender Zeitvertreib, wenn man damit gut ankommt. Es ist auch eine Bühne im kleinen Kreis. Damit konnte ich immer kompensieren, dass ich nicht im Porsche davongefahren bin, sondern im gebrauchten VW.

Durchschauen Sie Menschen durch die Art, wie sie auf Witze reagieren?

Nur, wenn die Witze nicht funktionieren. Da hab ich mal für einen eine Ohrfeige in der „FAZ“ erhalten. Bei einer Veranstaltung zur Hitler-Satire „Er ist wieder da“ habe ich einen alten amerikanischen Witz erzählt. Sie kennen den Kyffhäuser? Das ist ein Berg, in dem der Sage nach Friedrich Barbarossa darauf wartet, wieder herauszukommen, um die Deutschen aus größter Not zu retten. In den USA gab es einen jüdischen Witz: „Hitler sitzt im Kyffhäuser, Neonazis kommen und schreien: „Führer, du musst uns helfen, so viele Ausländer, komm raus!“ Hitler sagt: „Nein, ihr habt mich verraten, ihr verdient es nicht!“ Nach 14 Tagen kommen sie wieder und er sagt: „Na gut, unter einer Bedingung: This time no nice guy!“ Den find‘ ich grandios. Aber: Der geht immer daneben.

Man kann mit Witzen auch schön ins Fettnäpfchen treten, stimmt’s?

Das passiert immer, wenn man irgendein Gebrechen übersieht. Als ich bei der „Zeit“ war, gab es in den 70ern noch eine Witzseite. Wenn ein Redakteur einen Witz lieferte, bekam er eine Flasche Whisky. Ich bekam den Whisky für diesen hier: „Was ist der Unterschied zwischen Grießbrei und einem Epileptiker? Der Grießbrei liegt unter Zimt und Zucker, der Epileptiker liegt im Zimmer und zuckt.“ Da bin ich zur Gräfin Dönhoff bestellt worden und die sagte: Wenn Sie einen Epileptiker in der Familie hätten, würden Sie so einen Witz nicht machen. Seither mach ich nur mehr jeden dritten Behindertenwitz.

Was nicht mehr funktioniert, sind Nationalitätenwitze…

Ja, das ist irgendwie vorbei. In Deutschland sind aber die Polenwitze unsterblich. Mein liebster ist aus der Zeit nach der Wiedervereinigung. Einem Ossi, einem Wessi und einem Polen erscheint eine Fee und sagt, jeder hat einen Wunsch frei: Der Pole wünscht sich, dass vor jedem Haus in Polen ein Mercedes steht, der Ossi wünscht sich, dass die Mauer wieder hochgezogen wird. Und der Wessi sagt: „Hat wirklich jeder Pole ein Auto? Und ist die Mauer wirklich wieder da? Dann nehm ich ’nen Cappuccino.“

Es gibt Witzgenres, die an Personen gebunden sind. Wie viel gibt da zum Beispiel der aktuelle Papst her?

Da habe ich schöne gehört, wie er das mit der Tracht Prügel gesagt hat! Je besser die Päpste sind, desto mehr Witze gibt es. Bei Johannes Paul II. gab es ja den: Der Papst kommt zu „Wetten dass“, er kann 50 Flughäfen am Geschmack erkennen. Aber mein liebster ist der: In Kanada schenkt ihm die Regierung einen Tag lang ein Auto mit Chauffeur, damit er die Schönheiten Kanadas sieht. Nach ein paar Kilometer sagt der Papst: Ich bin leidenschaftlicher Autofahrer und im Kirchenstaat komm ich nicht weit, darf ich ans Steuer? Also tauschen sie. Wieder nach ein paar Kilometern hält ihn die Polizei auf. Der Polizist sieht den Papst, läuft zu seinem Auto und ruft den Chef an: Chef, ich hab ein Problem. Geschwindigkeitsüberschreitung. Was ist das Problem? Da sitzt ein hohes Tier drin. Höher als ich? Als der Polizeipräsident? Ja, denke schon. Ja, wer ist es denn? Sagt der Polizist: Ich weiß nicht, aber der Papst ist sein Chauffeur.

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