donaufestival Krems – Ein Fest gegen Homophobie

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Bild: SN/SN

Die Minoritenkirche in Krems verdunkelt sich und auf der Leinwand erscheint ein Schwarz-weiß-Video, das ein Paar beim Lustwandeln zeigt. Im Hintergrund ist eine elektronisch verzerrte Version der Arie der Königin der Nacht aus Mozarts "Zauberflöte" zu hören, die behutsam zum Auftritt von Planningtorock heranführt. Frontfrau Jam Rostron betritt danach mit langen, wehenden Haaren die Bühne, um von einer DJ mit rauschenden Bässen begleitet mit schallender Stimme das Mikrofon zu erobern.

Bereits beim groovigen "Going On" kommt Stimmung ins Publikum und es scheint, dass jeder Song mit noch mehr Emotion aufgeladen wird. Visuell begleitet wird der Auftritt sporadisch von gespenstischen Spiegelungen von menschlichen Gesichtern, Schriftzügen und sorgfältig aufgenommenen Clips von Rostron, in denen sorgfältig ihr Profil samt spezialangefertigter Nasenprothese präsentiert wird. Vor "Public Love" löst sich dieselbe von der Stirn Künstlerin und wird dann einem Zuschauer zugeworfen, der Rostron vorher laut "Jam, I love you!" zugerufen hatte.

Musikalisch bewegen sich Planningtorock in vielen Territorien: Von poppigen Synthie-Beats über an Electro-Swing erinnernde Sequenzen bis zu basslastigen Technopassagen wird die kraftvolle Stimme Rostrons bunt begleitet – die Frontfrau selbst singt und trällert in hohen Tönen, ihre Stimme wird teils durchs Mikrofon höher gestimmt oder stellenweise verzerrt. Selbstverständlich setzen Planningtorock mit ihrer Musik auch durchgehend Statements auf der Bühne – während "Public Love" wird im Hintergrund die Anzahl der Staaten eingeblendet, in denen homosexuelle Praktiken in der Öffentlichkeit illegal sind und bei "Misxgyny Drxp Dead" thematisieren männliche Hände auf dem Bildschirm Machtverhältnisse und sexuelles Gewaltpotenzial zwischen den Geschlechtern. Die Zuschauer zeigen sich begeistert und nachdem mit "Human Drama" und "Living it Out" geschlossen wird, gibt es euphorischen Applaus für die englische Formation.

Eine Stellungnahme zur Gender-Thematik anderer Art machen anschließend BOEM in der Kremser Eventhalle. Die Barrieren zwischen Tanzfläche und Zuschauerbänken auflösend zeigt die Gruppe mit vielen Statisten live, wie in Serbien gewaltsam Konflikte zwischen Demonstranten und Polizei ausgetragen werden. Dazu werden Schilder und Transparente mit provokativen Schriftzügen wie "Ihr seid alle Josef Fritzl" hochgehalten, auf den jeweils links neben der Tanzfläche und auf der Bühne angebrachten Leinwänden wird gezeigt, wie die Flagge des dritten Reiches mit dem schwarzen Adler der Zweiten Republik übermalt wird. Zwischen der episodischen Performance sorgen von der Bühne aus ein DJ und zwei Rapper für Aufruhr und Stimmung – obszöne Texte, die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau tief unter der Gürtellinie thematisieren, wechseln sich ab mit einer ironisierenden Vorstellung, bei der Außenminister Sebastian Kurz in einer Videomontage gegen Homophobie wettert, Gott in Wiener Dialekt raunzend seinen heruntergekommenen Sohn auf die Erde schickt, wo dieser, gefolgt von der Gottesmutter – einer schwarzen Frau in weißem Schleier – versucht, die homosexuelle Neigung aus zwei serbischen Männern zu exorzieren. Nachdem dies misslingt, traut der Austro-Jesus stattdessen die beiden für eine kleines Trinkgeld. Provokant, obszön und ohne Respekt für Konventionen, jedoch keineswegs sexistisch oder homophob, kommen auch die Texte des MC-Duos daher, die zwar in kroatischer Sprache rappen, jedoch von auf Wiener Straßensprache übersetzten Songtexten auf der Leinwand begleitet werden.

Nachdem Jam City aufgrund einer ungeplanten Verzögerung in Madrid am Flughafen stecken blieb, kann der sympathische Scott Matthew samt Band die Herzen der Festivalbesucher mit seiner sanften Musik erobern. Im prall gefüllten Stadtsaal entwickelt sich das leicht verdauliche Konzert zur intimsten Aufführung des Abends, Frontmann Matthew zeigt sich sehr redselig und sympathisch, während eine bunte Mischung aus eigenen Songs und gecoverten Werken im kuscheligen Indie-Gewand zum Besten gegeben wird. Als zu Whitney Houstons "I Wanna Dance With Somebody" der ganze Saal wie im Chor den Refrain mitsingt, müssen selbst der australische Musiker und seine Bandmitglieder dem Publikum Beifall klatschen. Kontrabass, Ukulele, Keyboard und Flügel sowie selbstverständlich die akustische Gitarre sorgen für eine angenehme klangliche Untermalung, mit der das neueste Album der Band "This here defeat" präsentiert wird – zwischen den Liedern erzählt der vollbärtige Matthew Wein trinkend von der Bandgeschichte und nach jeder emotionalen Nummer erntet die Gruppe schallenden Applaus. Nach mehreren Zugaben schließt Scott Matthew mit dem Nick Cave-Cover "Into my Arms" und räumt die Bühne für die folgende Performance von Arca und Jesse Kanda.

Die audiovisuelle Ausnahmeerfahrung, die der venezolanische Produzent Alejandro Ghersi alias Arca in Kollaboration mit dem Visualisten Jesse Kanda zum ersten Mal in Österreich bot, war einer der klaren Höhepunkte des Festivaltags. Ghersis Outfit, bestehend aus einem offenen weißen Sakko, darunter klar sichtbarer Reizunterwäsche und grellroten Stiefeln stand ganz im Zeichen des Tagesthemas und dasselbe galt für die Klänge, die der musikalische Mastermind mit seiner Stimme und Unterstützung vom Computer erzeugte. Während Arcas durch das Mikro mit seinem Gesang schrille Töne trifft, paart er die Vocals mit Breakbeats, expandierenden Bässen, Synth-Exzessen und manchmal auch einfach minimalistisch mit der Bass-Maschine.

Visuell eröffnet währenddessen Kanda mit schwenkenden Bildern von Feuerwerksbewegungen am Nachthimmel, die bald in verfließende Formen menschlicher Körper übergehen, die Tanz und Disco-Fieber durch ihr flackerndes, verschmelzendes Dasein in Frage zu stellen scheinen. Die Visuals werden zusammen mit den immer intensiver werdenden Bässen mehr und mehr zu einer Studie der Laszivität, bei der metallische Frauenkörper suggestiv auf die Zuschauer zu tanzen – manchmal ohne erkennbares Geschlecht, einmal sogar mit einem von pulsierenden Tumoren übersäten Unterleib. Den Höhepunkt der Vorstellung bildet eine immer hektischer werdende Beatlandschaft, bei der visuell ein Live-Ausschnitt aus dem Inneren eines schlagenden Herzes im Takt zum pulsierenden Bass gezeigt wird. Mittels spulender Klangsequenzen kommt es auf Bühne und Bildschirm schließlich zur Tachykardie – nach einigen mitreißenden Augenblicken normalisiert sich der Herzschlag jedoch langsam wieder, um den Zuschauer geschockt und mit den Echos von dreckigen Glitch-Beats im Ohr zurückzulassen. Nach einer Zugabe von Walgesängen verabschieden sich Arca und Kanda von einer applaudierenden Menschenmenge.

Als Abrundung des thematisch anti-homophoben Tagesprogramms baten Hard Ton auf die Tanzfläche, die mit basslastigem und poppigen House sowie einem stimmlich talentierten Sänger für Stimmung sorgten. Der füllige Vokalist der Dance-Formation trat in einem bauchfreien Glitteranzug und verschleiert auf die Bühne. Den Abschluss des Abends machte die Drag-Queen Christeene, die mit ihren Tänzern im Schlepptau die Festivalbesucher mit einer Queer-Performance mit texanischem Schlag und reichlich männlicher und Transgender-Laszivität in die Nacht entließ.